Donnerstag, 27. märz 2008
Dankbare Momente
Wenn man den Fernseher einschaltet
und die Livebilder
des Krieges
kommentiert
von embedded Reportern
an einem vorüberziehen
und ein flaues Gefühl
im Magen hinterlassen
wenn der Verstand
einem deutlich sagt,
dass wieder Dinge passieren
die schon einmal passiert sind
und die nicht mehr geschehen dürfen
wenn das Herz sich meldet
und man spürt,
dass es Zeit ist
aufzustehen, hier und jetzt
die Stimme zu erheben
gegen Unterdrückung,
Unrecht und Willkür
dann sind das Momente
in denen man dankbar sein sollte
für das Aus
an der Fernbedienung.
aus „Zwei Liter Sokrates- Denkanstösse“
Jörg Endres, Nürnberg, 30 Jahre
Letzte Meldung eines Soldaten
Ich war ein Gewehr.
Ich war ein Finger am Abzug.
Wir rannten durch die Nacht, Seite an Seite.
Wir marschierten.
Du hast mir Briefe geschrieben.
Du hattest Angst.
Er hat mir auf die Schulter geklopft.
Er hat diesen Krieg begonnen.
Ihr habt uns bejubelt.
Ihr habt um uns getrauert.
Jetzt bin ich ein Mensch.
Ich bin ein Stück Fleisch im Sarg ihr braucht die Fahne um mich zu erkennen.
Ich bin tot ich werde nie mehr die Sonne sehen.
Wir sind Werkzeuge des Krieges nehmt neue wir sind kaputt.
Du bist eine Witwe warum hast du mich gehen lassen.
Du bist mir so kostbar warum darf ich dich nie wieder sehen.
Er ist ein guter Mann sagen sie.
Er ist kein Soldat warum führt er dann Krieg.
Jetzt sehe ich was meine Augen nicht sehen wollten.
Ihr seid nur Zuschauer ihr werdet mein Bild vergessen.
Ihr seid so weit weg von hier dankt dafür an jedem Tag.
Ihr seid es die einem Menschen die Entscheidung über Krieg oder Frieden überlasst.
Ihr seid es die Kinder Männer Freunde Frauen Sicherheit verlieren werdet.
Er wird wieder gehen doch die Wunden bleiben, die Trümmer bleiben.
Er wird eines Tages sterben ohne einen Feind erschossen zu haben.
Du wirst einen anderen Mann finden du solltest das Land verlassen.
Du wirst eines Tages sterben ohne zu wissen wie ich starb.
Ich werde ein Held sein bei euch.
Ich werde ein Feind bleiben für die anderen.
Ich bin ein Mensch.
Endlich
Bin ich
Ein Mensch.
Der Tod macht uns alle gleich.
Stella Adami, Kirchehrenbach, 16 Jahre
April 1993
Und wenn die Nacht schreit....
.....Nein!
Die Nacht schreit nicht.
Ich schreie in der Nacht,
das Blut,
die Nebel,
die Adern.
Das Blut aus den Schüssen,
die Nebel aus den Gaskammern,
die Adern,
in die Gift gespritzt wurde.
Nein, die Nacht schreit nicht.
Ich schreie in der Nacht
um meinen Bruder,
um meine Cousine,
meinen Vater
und seine Gerechtigkeit,
um deinen Vater
und seine Gerechtigkeit.
Heute treffen wir uns
an Denkmälern,
immer wieder,
die umgeworfen werden,
manchmal bei Sonnenaufgang
zum Kuss.
M. S. Chazara, Givataim (Israel), 56 Jahre
April 1963
Wenn ich zur Wand schaue
habe ich Schmerz,
links.
Immer links, und nur
dort.
Die Wand ist grau,
aber Schmerz.
Herzmuskelentzündung
sagt Doktor Maibrand,
und Blutuntersuchung.
Wanduntersuchung
ergibt graues Blut
und kleinen Schrei,
links.
Immer links, und nur
dort.
Aspirin,
wird gesagt,
hilft
gegen Bilder
und Gefühle.
M. S. Chazara, Givataim (Israel), 56 Jahre
April 1913
der boden flüstert
kohle und eisen
unter unseren mühlen
unter unserem boden
immer lauter
wir machen ein erstes
familienfoto
mit blitz
und sehen alt aus
geld
schreit es überall
und nicht pinunzen
was wird werden
aus groschen, dem gulden
den dukaten und silberlingen?
was wird werden
aus dem mehl
von dem wir leben?
feinde wurden erkoren
ohne uns
und kanonen
April 1903
Gerüchtige Worte flüchten
von Mund zu Mund
und durch uns hindurch
mit dem Ostwind
in den Abendwolken.
Der volle Mond flüstert
mir Esters Liebe vom März
und unsere Mühlen malen
das schlesische Korn gut
gegen Progrom und Kreuz.
Israel höre ich manchmal
im Schreien der Esel
und Maultiere beim Beladen
für den schwarzen Adler
Preußens an der Oder.
In der Ferne das Eine
so unverständlich nah
und das Andere weit
ohne Davids Stern
am Morgen-Himmel.
Moitl, solle mi gehn?
M. S. Chazara, Givataim (Israel), 56 Jahre
Bei dem Autor fiel der Jury die Entscheidung besonders schwer. Eingereicht war ein Zyklus von zehn Gedichten, der die Situation
einer jüdischen Gemeinschaft im 20. Jahrhundert blitzlichthaft über jeweils ein Monatsgedicht zum April des dritten Jahres jeden Dezenniums erhellen sollte. Letztlich entschieden wir zuerst, dass
eigentlich erst der Zyklus als Ganzes wirkte … und dann, dass der Zyklus zu lang würde innerhalb des Programms. Trotzdem entschieden wir uns für einige Beispiele, die wir in die Anthologie
aufgenommen haben.
Ein Limerick
Ein Geldmann aus Groß-Vernieden
fuhr schnell zum Fest für den Frieden.
sprang aufs Podest,
schrie in das Fest:
„Ihr Diebe, lasst mich in Frieden!“
Wolfgang Fehse, Berlin