Mario Tomašegović, Unterschleißheim bei München, 38 Jahre, freier Journalist
(Der Autor begründet seinen Text folgendermaßen:“ Ich
möchte noch mal erwähnen, wie wichtig der kritische Umgang mit Krieg ist.
Wir müssen unsere Stimme erheben und uns den Kriegstreibern weltweit energisch entgegenstellen. Bis hier hin und nicht weiter, muss die Parole lauten.
Wenn man wie heute liest, dass inzwischen sogar der Nachrichtensender N24 von der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) wegen des Vorwurfs der Kriegsverherrlichung untersucht wird,
weiß man, es ist fünf vor Zwölf.
Natürlich werden wir den Menschen nicht ändern. Homo homini lupus war, ist und
wird ewig sein. Natürlich werden wir die Welt nicht retten. Denn um es mit den Worten von Mahatma Gandhi zu sagen: Die Welt hat genug für aller Menschen Bedürfnisse, aber nicht für aller
Gier.
Doch gerade weil die Aufgabe unmöglich erscheint, sollten sich Freunde des Friedens mit aller Macht gegen den Idealisierungs- und Verharmlosungstrend des Krieges stemmen.
Krieg ist nicht weichgespült, wie die Medien ihn präsentieren. Krieg ist nicht geschönt und zensiert, wie CNN ihn in unsere Wohnzimmer bringt. Krieg ist brutal und grausam, erniedrigend und
entmenschlichend.
Krieg erscheint so, wie ihn die Herrschenden benötigen, um die Beherrschten für ihre Ziele in den Tod zu schicken. Wie ich in meiner Geschichte geschrieben habe: Krieg bedeutet einen dreckigen
Tod, in einem dreckigen Bett für dreckige Saubermänner.
Lassen Sie uns die Saubermänner bloß stellen und ihnen die Wahrheit entgegenschleudern!“
Das Leben riecht nach Meer
‚Das Leben stinkt nach Tod’ schrieb Goran als ersten Satz in sein Tagebuch. VERITAS - Wahrheit taufte er das Diarium mit großen gotischen Lettern. Mit den Fingerkuppen strich er über das Blatt. Er legte den Füllfederhalter, auf dem die Initialen GT seines Vaters in goldener Schrift eingraviert waren, auf den knorrigen Tisch. Er griff zu einer gläsernen Sanduhr und drehte sie auf den Kopf. Fünfzehn Minuten blieben ihm, bis die rote Sonne aufging.
Er nahm einen Schluck Slibowitz und würgte zwei giftgrüne Ecstasypillen hinunter, auf denen das Gesicht von Micky
Maus lachte. Er schrieb weiter:
In der Nacht erlagen fünf Kameraden ihren Verletzungen. Ich hatte ab vier Uhr Früh Sanitätsdienst und musste die Toten in olivgrüne, süßlich stinkende Leichensäcke
packen. Sie starben einen dreckigen Tod, in einem dreckigen Bett, für dreckige Saubermänner. Keiner war älter als vierundzwanzig Jahre. Der Jüngste war seit einem Monat neunzehn und hieß Nikola.
Er hatte ein kindliches, mit Pickeln übersätes Gesicht, abstehende Ohren und dunkle, unruhig wandernde Augen. Als ich seinen Leichnam in den Sack legte, sah er aus wie ein glücklicher Junge. Er
war ein Fan von Hajduk Split. Wir zogen uns ständig wegen unserer Teams auf. Er neckte mich oft mit seinem Lieblingsspruch: Ihr seid zwar die Hauptstädter, aber in eurem Inneren bleibt ihr
Schweinehirten. Und genauso rustikal spielt euer Team Fußball. Ich schob einen Wimpel von Hajduk in seine linke Brusttasche und legte zwei silberne römische Münzen mit dem Konterfei von Julius
Cäsar, die ich beim Ausheben von Schützengräben gefunden hatte, auf seine Augen. Der Fährmann Charon sollte ihn sicher über den Styx befördern.
Mittags verteilte ich Essen und Getränke im Flüchtlingslager. Bis dahin kam ich ohne Pillen durch den Tag. Die
fragenden und flehenden Blicke der Kinder trieben mich nachmittags in die Arme der Feuerengel.
Am Abend nur Routinearbeiten. Leichensäcke säubern, Waffen reinigen, vor dem Geschrei der Verwundeten fliehen. Der Tag hinter mir voller Grauen, die Nacht vor mir die
Hölle.
Goran schloss die ‚Wahrheit’, nahm einen Zug aus der Schnapsflasche. Er starrte auf sein verzerrtes Spiegelbild in dem grünen Glas und flüsterte: „Wenn ich rede, sterbe
ich. Wenn ich schweige, sterbe ich. Also rede ich und sterbe.“
Er schlug SPES - die Hoffnung auf. Sein zweites Tagebuch. Sein Schrei gegen die Wahrheit. Seine Flucht vor der
roten Sonne. Sein Licht am Ende des Tunnels, das nur ein Widerschein der Hölle war.
‚Das Leben riecht nach Meer’ lauteten die ersten Worte. Er zog ein vergilbtes Foto aus der Jackentasche, auf dem ein Segelschiff am Horizont auf glitzernden Wellen
tanzte. Im Vordergrund stand eine Frau vor einer Aphroditestatue. Sie lachte und winkte mit der rechten Hand. Ihr Haar: eine ungezähmte, schwarze Mähne. Ihre Augen: dunkel, voller Träume. Ihr
Körper: schlank, mit geraden Schultern, schmalen Hüften und einem vollen Busen. So erhob sie sich aus dem Schaum des Meeres. Seine Anna.
Mein Dorf in den Hügeln über dem Meer, schrieb Goran weiter. Mein Haus, mein Land, mein Leben, meine Liebe. Die versteckte Bucht und der einsame Mandelbaum, unter dem ich
Anna küsste. Mandeln auf ihrem Mund, ihren Brüsten, ihrer Scham. Annas Geruch betörend in der Luft. Annas Geschmack berauschend auf meiner Zunge. Wilde Küsse, zärtliche Berührungen,
Liebesschwüre, zuckende Körper. Meine ungeborenen Kinder in Annas ewigen Augen. In diesen Momenten küsste der Himmel meine Erde, küsste sie im Schatten des Mandelbaums. In diesen Momenten
flüsterte das Meer zu mir, versprach eine Woge zur Insel des Lichts.
Goran unterstrich Annas Namen, hielt die Nase an das Papier und atmete tief ein. Er atmete das Meer seines Dorfes, atmete das Meer zwischen Annas Schenkeln.
Ein gieriger, wütender Wind mit Böen wie Prankenhiebe eines Bären kam auf, hämmerte wild gegen das Fenster und
schleuderte Goran in die Wahrheit zurück. Die Sandkörner rieselten und schlugen wie Felsbrocken gegen das Vergessen. Eine weitere giftgrüne Pille schoss ihn durch einen Tunnel der Zeit. Seine
Hand machte sich selbständig und gehorchte dem Befehl der roten Sonne. ‚PROMETHEUS’ schrieb sie in zeigefingergroßen Druckbuchstaben. ‚PROMETHEUS’ wiederholte sie, schreit vor unsäglichen
Schmerzen. Ein majestätischer, braungefiederter Adler gräbt die Krallen in sein Fleisch, stößt den Schnabel in Prometheus rechte Seite. Er stößt immer wieder zu und hackt ein Stück nach dem
anderen aus seiner Leber. Prometheus steht nackt, in Ketten gelegt, auf dem kargen Felsen. Blut fließt seinen Bauch hinab, vermischt sich mit zähflüssiger Galle und tropft klatschend auf das
Gestein. Prometheus Beine knicken ein, er taumelt, stürzt und eine schwarze Binde legt sich um seine Gedanken.
‚Ich bin Prometheus’ schrieb Goran auf eine neue Seite. Mein Adler die rote Sonne, meine Leber das Leben, meine Ketten die Erinnerung. Ich bin ein Gespenst, das dem Geist
von Millionen entsprungen ist. Sie drückten mir ein geweihtes Gewehr in die Hand und der Priester sprach Gottes Worte. Ich schoss wie keiner vor oder nach mir. Ich traf jedes Ziel, aus jeder
Entfernung, aus jeder Lage. Ich folgte den blinden Parolen, bejubelte die Fahnenweihen des Teufels, träumte von den Feldern der Ehre. Ich leistete Lippenbekenntnisse, plapperte eine gelernte Lüge nach. Ich
erkannte nicht, dass eine Lüge der Wahrheit zum Verwechseln ähnlich wird, wenn man sie oft genug wiederholt. Jugend giert nach Wahrheit. Und ich war jung und gierig.
Für jeden Mann kommt der Tag, an dem nichts mehr so ist, wie es einmal war. Für mich war es der 23. Dezember 1991. Um 4.35 Uhr kam ich an die Front. Das feuchte Land
dampfte Nebelschleier aus. Der saure Geruch von Schweiß und Angst brannte in der Nase. Heldengalerien marschierten auf. Patroklos zu meiner linken, Paris zur Rechten, Hektor in meinem Rücken und
Achilles schritt voran. In alten FIAT-Lastwagen, von denen der blaue Lack abbröckelte, fuhren wir ins Hinterland. Jeweils fünfundzwanzig Mann zusammengepfercht in einem Laster. Eine Horde
abgemagerter Hunde lief uns bellend hinterher, als könnten sie den Tod wittern. Wir warfen ihnen faulige Speckstücke zu. Sie fielen gierig darüber her und blieben zurück.
Einige Soldaten spielten Poker um Opatija-Zigaretten und die Slibowitzration der Männer, die nicht von den Feldern zurückkehren sollten. Neben mir saß Vlado. Er war seit
den ersten Gefechten an der Front. Sein Gesicht durchzogen dicke, tiefe, furchige Falten. Seine blauen Augen waren leblos, matt und ausgewaschen.
„Heute ist ein Tag für Helden“, sprach ich ihn an.
„Mist“, antwortete er, ohne mich anzusehen.
„Heute stellen wir uns dem Schicksal“, fuhr ich fort.
„Junge, das Leben ist beschissen. Und irgendwann ist man tot“, erwiderte er und sah mich mitleidig an.
„Aber die Felder der Ehre, das Vaterland ...“
„Junge, die Hölle ist ein Ort hinter diesem Wasser“, unterbrach er mich und zeigte auf einen schlammigen Fluss, der sich in Schlangenlinien durch das Tal wand und in
einem dichten Fichtenwald verschwand.
Ich schwieg.
Der schwere Helm drückte hart gegen meine pochenden Schläfen. Die Erde unter mir war schwarz und nass und weich und
tief. Die Luft war erfüllt vom Pfeifen der Sprenggranaten, vom Peitschen der Kugeln, vom Dröhnen der Raketenwerfer. Mein Finger zitterte am glühenden Abzug. Mein Auge folgte einem Schatten, sein
Kopf im Fadenkreuz meines Zielfernrohrs.
„Felder der Ehre, Vaterland, Felder der Ehre, Vaterland“, zischte ich und grub meinen Mund in den Schlamm und schluckte Brocken von dem Erdreich. Ich schwitzte. Ich fror.
Eine eiserne Kette legte sich um meinen Hals, zog sich zusammen und schnitt mir die Luft ab. Mir schwindelte. Ich ließ das Gewehr fallen und wälzte mich im Morast. Ich kauerte mich wie ein
verwundetes Tier auf dem Boden und hielt Anna in den Armen.
„Junge, Gott hat uns beschissen“, riss eine Stimme mich von Annas Wärme. Vlado kniete neben mir und reichte mir die Hand. „Das Leben hat uns den Krieg erklärt, und wir
müssen uns wehren“, fuhr er fort und half mir auf. Seine blauen Augen waren warm und weich.
Ein neuer Tag brach an. Mein Finger glühte am kalten Abzug. Ein neuer Schatten tauchte hinter den Bäumen auf. Er
robbte durch den Schlamm, versteckte sich hinter einem Felsbrocken und lief zum Fluss. Ich entzündete meinen Scheiterhaufen. Der Schatten taumelte. Er griff sich an die Brust, stürzte, zuckte und
blieb regungslos liegen. Eine rote Sonne wuchs auf seiner Jacke. Ein höhnisches Lachen schallte über die Felder. Ich stopfte mir Schlamm in die Ohren, drückte sie mit den Händen zu und stammelte:
„Tod, du Verführer, dein Hochmut gebührt dir nicht.“
Ich bin ein Schattenmensch. Ich tötete. Ich mischte Blut in Ströme von Tränen. Ein Friedhof der Namenlosen legte sich über die Felder der Ehre. Über ihnen wanderte die
rote Sonne und grub ihre Strahlen in meinen Hochmut. Es folgten neue Tage, neue Schatten. Unsere Blicke trafen sich. Ich sah
sie am saphirblauen Fluss stehen. Ihre Anna in den Armen. Lachend, scherzend, stöhnend, mit ihren ungeborenen Kindern in den Augen.
Goran schlug die ‚Wahrheit’ zu und schleuderte sie gegen die Wand. Er nahm die Slibowitzflache und zerschlug sie an
der Tischkante. Den Flaschenhals rammte er in die rechte Hand und Blut schoss dick und zäh heraus. Er ging zum Fenster und drückte die Hand gegen die Scheibe. Sie hinterließ einen dunklen,
feuchten Abdruck auf dem Glas. Blitze zuckten am Himmel und rissen die Nacht in Stücke. Er verlor die Welt und seine Lügen widerten ihn an.
Mit der ‚Hoffnung’ in den Händen kauerte er in einer Ecke auf dem Fußboden. Blut lief den Füller hinunter, tropfte auf das Papier und vermischte sich mit der Tinte. Er
floh, er schwieg, er schrieb:
Ich war so schwer an Leib und Seele verletzt, dass ich unverwundbar wurde. Annas Küsse unter dem Mandelbaum waren wie Wasserfälle und löschten jede Nacht den
Scheiterhaufen. Mein ganzes Leben war ich einsam, außer in Annas Armen. Und sie stieß mich ins Nichts. Vor drei Tagen, vier Stunden und siebenundzwanzig Minuten brannte der Brief in meinen
Fingern, in meinen Augen. Ein einfacher, weißer Umschlag. Einfache, blaue Tinte. Zwei einfache, kurze Sätze. Annas Lachen erloschen. Die rote Sonne auf ihrer Brust. Annas Augen verglüht. Die Erde
getränkt mit Anna. Der Mandelbaum nur noch ein verkohlter Stamm. Ein Holzkreuz schreit meine Wut in die Welt. Nicht mal Hoffnung kann mich bestechen.
Goran legte das Tagebuch auf den Fenstersims. Er ging zum Schreibtisch, öffnete die Schublade und nahm eine Pistole
heraus. Er schaute in die Mündung und suchte nach einer Antwort. Er hasste das Leben. Das Leben hasste ihn. Er sehnte sich nach dem Tod. Der Tod hasste ihn. Aus der Hosentasche zog er eine
Streichholzschachtel. Auf ihr prangte ein Marienbild. In der Schachtel bewahrte er die Pillen auf. Ecstasy, LSD, Schlaftabletten. Er steckte Maria in den Mund, kaute langsam und schluckte den
zähen Brei hinunter.
‚Das Leben schmeckt nach Tod’ schrieb er mit blutigem Zeigefinger auf die Tischplatte. Er packte die Sanduhr und drehte sie mit zitternder Hand auf den Kopf. Fünfzehn
Minuten.
Ludwig, geb. Cissarek, Jürgen, Hagen, 48 Jahre, freier Schriftsteller
Auf der gesamten Welt trifft man uns an.
Wir haben einen hundsgemeinen, mordlüsternen Ausdruck in den Augen und ein schrecklich verzerrtes, Furcht und Angst einflössendes Gesicht.
Unsere Gefährlichkeit und bösen Absichten erkennt man noch auf einer Distanz von mehreren Hundert Metern.
Unsere Aufgabe ist es, euch zu dienen, damit ihr das uralte Handwerk erlernt. Das Töten.
In Abhängigkeit von unserem Standort tragen wir verschiedene Abzeichen und Symbole, damit ihr unverzüglich begreift: Das da ist der Feind!
Ihr Söhne, Enkel, Neffen, Brüder oder Ehemänner, ihr seid eingereiht in Gruppen und selbst die Friedfertigen unter euch verstehen sehr schnell: Er – oder ich!
Dann ergreift ihr eure Waffe und folgt den Befehlen.
„Durchladen, entsichern, Ziel aufnehmen, ausatmen und Feuer frei.“
Ihr könnt euch diesem Bann nicht entziehen und euch überkommt ein Glücksgefühl, wenn die Kugeln möglichst sicher im Ziel landen.
Letzte Woche noch, da lag da so ein Bürschchen, ein Müttersöhnchen, ein Milchgesicht, in Schussstellung und entleerte das Magazin auf einen von uns. Nachdem der Aufsichtsführende fünf Volltreffer gemeldet hatte, sprang er auf und jubelte: „Dem Schwein habe ich es gegeben. Fünfmal in die Runkel.“
Seine Kameraden, die den verweichlichten Jungen eher mieden, stürmten auf ihn zu und klopften ihm voller Anerkennung auf die Schultern. Jetzt war er einer von ihnen, ein ganzer Kerl.
Ich kann euch dies berichten, da zur Zeit eine Feuerpause abgehalten wird. Halbherzig flicken Männer die Einschusslöcher. Während meine Kameraden und ich auf die nächste Salve warte, die unweigerlich auf uns zukommt, möchte ich noch schnell von meinem, nein, von unserem Traum erzählen.
Wir hätten so gerne freundliche Gesichter und würden als Hinweisschilder angestellt sein: „Willkommen in der Stadt“ oder „Bis zum Hotel noch fünfzig Meter“, so etwas in der Richtung. Das wäre eine sinnvolle Tätigkeit.
Mein sehnlichster Wunsch ist es, ein Clownsgesicht gemalt zu bekommen und den Kindern dieser Welt den Weg in den Zirkus zu weisen. Kinderlachen ist Zukunftsmusik, nicht wahr?
Halt, ich breche an dieser Stelle ab, die Uniformierten haben ihre Rast beendet und so platzt mein Tagtraum wie eine Seifenblase. Ich vernehme Kommandos! Adieu, ihr Spaßmacher, ihr Herzenswünsche, es ist wieder an der Zeit, zu sterben. Denn die nächste Schussfolge lässt nicht lange auf sich warten.
So kann ich nur noch beten, dass irgendwann einmal im Laufe der Zeit eine Welt entsteht, in der wir Pappkameraden endlich ausgedient haben.
(Der siebente Preisträgertext.)