jeden Tag neue Gedichte - von Slov ant Gali und Gästen
1.10.
Wie etwa hätte Lenins Schrift „Was tun?“ geklungen, wäre sie von Heinz Erhardt geschrieben worden? Ich habe mich der Mühe unterzogen, dieser bisher wissenschaftlich noch nicht erforschte Frage po-etisch nachzugehen, und stelle hier das Ergebnis meiner Arbeit vor...
Ursula Gressmann hat mir ein Gedicht angeboten, dass den schlichten Titel „Spätsommer“ trägt. Ich sehe sie regelrecht vor mir bei einem Spaziergang, der dieses Gedicht erzwang. Einen gleichartigen Spaziergang habe auch ich mir erlaubt. Nur dabei kam ein Produkt mit der Überschrift Herbstgedicht - geschrieben von und im Eichendorf nach dem siebten Grog heraus. Dass der echte Romantiker mit zwei Eff geschrieben wird, ist allein sein Problem. Man möge es mir verzeihen...
Slov ant Gali
Was tun?
Es fordert die Made vom Mädchen,
Komm übe dich in Geduld.
Dass du nicht als Falter geboren,
ist allein deiner Vorfahren Schuld.
Es muffelt das Mädchen zur Made:
Es redet sich gut im Speck.
Doch bevor ich vielleicht mich entfalte,
holt womöglich ein Schnabel mich weg.
Es doziert die Made das Mädchen:
Ein jedes braucht seine Zeit.
Im Augenblick kannst du nur Fressen,
für bessere Zeiten bereit.
Es ist ein Bauer gekommen,
der verfüttert den Speck ans Schwein.
Auf bessere Zeiten wartet
das Mädchen verlassen allein.
Ursula Gressmann
Spätsommer
Ein welkes Blatt,
dann über Nacht,
Farbenpracht.
Gelb, rot, purpurn,
glüht das Laub,
entferntes
Bienengesumm.
Hagebutten leuchten,
wie kleine Feuer.
Zwischen den Zweigen
Spinnwebenhaar.
Abendlicht, das sich
wie transparentes
Gold ergießt.
Slov ant Gali
Herbstgedicht
geschrieben von und im Eichendorf nach dem siebten Grog
Es stehet das Bäumchen ganz stille
errötend in windfreier Nacht.
Längst schweigt seine Freundin, die Grille,
und es hat an die Zukunft gedacht:
Bald blasen die frostigen Winde
und machen es nackig und bloß.
Ein Schneemann, geliebt von nem Kinde,
wird die Mohrrübennase los.
Das Bäumchen möcht so gern sich verbergen,
wenn es achtlos umgangen friert.
und sich zwischen Riesen und Zwergen
der Entkleidung wegen geniert.
Es sind später sprießende Triebe,
die das Bäumchen im Winter bewahrt,
denn solch Bäumchen voller Früchte und Liebe,
wird ein Baum, der sich krönet und jahrt.
2.10.
Welches Thema liegt an Tagen wie diesem näher als Ursula Gressmanns „Abschied vom Sommer“?
Lieben sich eigentlich Eulen auch im Herbst? Das gehört eigentlich nicht zu den Dingen, die ihnennachgesagt werden. Aber ich werd doch fragen dürfen...
Dafür beende ich meine „Gnadenlose Rechnung“ mit einem gnädig freundlichen Schluss – oder liest man das anders?
Ursula Gressmann
Abschied vom Sommer
Im Herzen Träume
vom Sommer,
dem Meer und
kreischenden Seevögeln,
Haare,in denen
der Wind spielt,
Sonnenuntergänge,
glutrot und kobaltblau
am Horizont.
Den Geschmack deiner Haut
noch auf den Lippen
weiß ich, der Erdsommer
ist vorbei.
Holzrauch, der Duft
des Herbstes,
liegt in der Luft.
Schmerzhaft das Gelb
der Stoppelfelder und
weit unten noch,
im Brunnen der Zeit,
wartet der Winter.
Slov ant Gali
Gnadenlose Rechnung
Bedenke,
flüstert die Müdigkeit in den Morgen,
dein Leben hat
28470 Tage.
Was kümmert dich da
dieser eine?
Ich bedenke es ja,
antworte ich
halbschläfern.
Ich bedenke es seit
16425 Tagen.
Vorher
war ich Kind,
danach werde ich
kindisch sein.
Diesen einen Tag
heute
verschenke ich
an mich.
Slov ant Gali
Nachgesagt
Du bist eine hässliche eule
sprach der uhu …
und er lachte leise
was menschen alles
ausbrüten
sie kennen dich nicht
in schöner nacht
dann liebte er sie
und niemand sah zu
3.10.
„Tag der Einheit“? Ich halte es für angebracht, an diesem Tag an eine wünschenswertere deutsche Nationalhymne zu erinnern und erlaube mir ausnahmsweise, den O-Text von Johannes R. Becher hier zur Diskussion zu stellen. Ein Land, dass sich am Hindukusch „verteidigen“ muss, darf eine solche nicht haben, natürlich...
Tja... wo sind WIR angekommen? Man sollte nicht gleich weglaufen, wenn ich schon wieder an „im gang“ erinnere. Ist es wirklich unpassend?
Persönlicher, ja fast ver-söhnlicher klingt da „Dem Mahnenden“. Dafür gibt es einen einfachen Grund: Die Hoffnung stirbt zuletzt... Deshalb findet sich das Gedicht auch unter "Entschuldigung"...
| 1. 2. 3. Laßt uns pflügen, laßt uns bauen, |
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Dem Mahnenden
Frisch gehäutet
erwarte ich dich
am apfelbaum
mein rucksack
noch
gestopft mit verletzungen
die ich
blind sehend angerichtet
nicht alle fehler
die mir zu schwer geworden
lassen sich leicht
abwerfen
ich schlüpfe im weiterwandern
in neue namen
hinauf zur quelle am gipfel
finde sie
oder mich
oder beides
oder nichts davon
Slov ant Gali
im gang
Die überweisung mit stempel
kann ich nicht lesen
beim wegrennen
bräche mir
verstand und
arm und
bein
ich lasse mein handy
um hilfe klingeln
ringsum antworten
defekte herzschrittmacher
die nachtschwester ersetzt
lungenflügel
durch frisch entfernte
blinddärme
der chefarzt spritzt
in die praktikantin
auf einer bahre
werde ich
weitergeschoben
mir
soll
die zukunft gehören
x
4.10.
Ich musste mir von jemand vorwerfen lassen, Slovs Gedanken-Lyrik sage ihm nicht zu. Ein Gedicht müsse massentauglich gereimt sein. Bitte: „Der Star“ ist es. Damit ich dem offensichtlich schlechten Ruf gut entsprechen kann: „Arrival (1)“ ist nicht gereimt, sondern langsam zu lesende schwere Wort-Lyrik... Und gleich noch „Arrival (2)“ hinterher. Ein Liebesbekenntnis, das man nur einmal abgeben kann – und das mit dem vorigen trotz des Titels eigentlich nichts gemeinsam hat...
Zugabe heute: Trauriges Kampflied.....
Slov ant Gali
Der Star
Der Hinz, der etwas eitel war,
schrieb drei Gedichte übers Jahr.
Die schienen ihm sehr wohlgelungen,
worauf er es sich abgerungen,
dass er im illustrierten Band
sich unter Dichtern wiederfand.
Gefragt, wer denn sein Vorbild sei,
sprach er, er wisse nicht mal zwei.
Er fände gut den Wilhelm Busch.
Allein, der schrieb so husch-husch-husch.
Weshalb als Vorbild sich am Ende
nur Hinz allein geeignet fände.
Slov ant Gali
Arrival (1)
Endlich
brauchen wir
kein Wort
kein Schweigen
was gesagt werden musste
liegt auf der Couch und
Doktor Freud
schläft
ich danke dir
mit den Kuppen
meiner Finger
und wir reiten
davon
Slov ant Gali
Arrival (2)
ich schließe
deine augen
über uns
sonnenaufgang
licht
das mit dir
verlöscht
Slov ant Gali
Trauriges Kampflied
Werde ich zum markt getragen
schaue ich so traurig aus
denn ich fühl mich nirgends sicher
menschen sehn wie schlachter aus
gebt mir eine lanze
mühlen überall
wenigstens ging ich aufs ganze
kämpfte bis zum fall
Don oh Don oh Don Quichoote, Don, oh Don, oh Don Qichott´
Don oh Don oh Don Quichoote, warum nicht der Lanzelot
oben fliegt der storch nach süden
kommt zurück wenns ihm gefällt
warum hab ich keine flügel
zu entfliehn der kalten welt
gebt mir eine lanze ...
Don oh Don ...
Werde ich zum markt getragen
sind die arme federlos
und ich schwenk sie auf und nieder
ach wäre ich ein vogel bloß
gebt mir eine lanze...
Don oh Don oh Don Quichoote,...
5.10.
x
Gunda Jaron eröffnet das Angebot des Tages mir "Lufthauch (II) - Abschied" (der Zufall / wehte dich in mein Leben...)
Weil es meine zweifelhafte "Kunst" ist, immer das zu machen, was gerade nicht zu erwarten wäre, hänge ich eine passende Gegen-Erinnerung an "nachgesang" hinter dem Lied vom schwarzen Schaf"...
Aber gleich danach tue ich einem der großen des vergangenen Jahrhunderts Gewalt an: Aus Bertolt Brechts idyllischer Poesie "Der Rauch" wird mein "Im Krieg" - indem ich vier Wörter verschwinden lasse. (Vielleicht bekommt ja jeder Leser von der Bundeswehr 1000 Euro Entschädigung für die Verletzung).
Als Zugabe heute: "Ein Arschgedicht"...
Gunda Jaron
Lufthauch (II) - Abschied
der Zufall
wehte dich in mein Leben
nicht greifbar für mich
einem Lufthauch gleich
der den Staub
von meinen Gedanken blies
unter die Flügel
meiner Fantasie griff
verborgene Gefühle
aufwirbelte
und ich ließ es geschehen
liebte den warmen
weichen
Wind
auf meiner Haut
wissend
er würde nicht bleiben
noch einmal
streichelst du sanft meine Wangen
zaust zärtlich mein Haar
meine Tränen trocknest du nicht
Slov ant Gali
nachgesang
wir alle
sind felsige inseln
im ozean
doch es treibt uns der sturm
manchmal strandgut an
auf uns
reiten sirenen den
sonnigen punkt
und wir bilden uns ein
es habe gefunkt
es kuschelt sich
hartes an grindige haut
wir haben uns selbst
so wenig durchschaut
wir wünschen momentlang
dass alles uns bliebe
wenn die flut längst
gestiegen und
nennen es
liebe
Slov ant Gali
Im Krieg
(mit Wörtern Bertolt Brechts)
Das kleine Haus
Unter Bäumen am See
Vom Dach steigt Rauch
Wie trostlos
Haus, Bäume und See
(B. Brecht
Der Rauch
Das kleine Haus
Unter Bäumen am See
Vom Dach steigt Rauch
Fehlte er
Wie trostlos dann wären
Haus, Bäume und See)
Slov ant Gali
Ein Arschgedicht
Lebte ich am arsch des mondes
hätte ich es gut oh mann
weil wer will am arsch des mondes
ewig lichtlos leben kann
bräuchte nicht den mund zum sprechen
um zu kuschen ja mein herr
müsste keine qualen rächen
nicht um hilfe rufen mehr
keine hand mit knochenfingern
bräuchte einen griff zu tun
stürme ließen mich nicht schlingern
könnte festgewachsen ruhn
bräuchte weder aug noch ohren
müsste sehen nicht und hör´n
keine seele die verloren
könnte meinen frieden stör´n
doch ich leb am arsch der erde
klar dass ich da wütend werde
schlägt man weiter mein gesicht
schieß zurück ich per gedicht
6.10.
x
Gunda Jaron spielt sehr erfolgreich mit der Erwartung des Lesers - und als sie in "Vergangen" an der Stelle ankommt, an der sie behauptet, "...der Herbst dein Lebensfrühling war..." war ich glatt in die Falle getappt.
Na, gut... Wenn alle Herbstgedichte anbieten, dann kann ich nicht anders: Ich steuere zu diesem Hype ein Gedicht namens "Oktober" bei, das fast gar nicht hintersinnig und politisch ist... (zwei Strophen haben die Bearbeitung nach einem Jahr übrigens fast unbeschadet überlebt...)
"Menschen mit Wert" ... Dazu höre ich einen Kommentar: Typisch Slov! Noch ist es kein Kompliment...
Gunda Jaron
Vergangen
Deine Haut – einst streichelglatt,
von sattem Schokoladenbraun,
so kupfrig-glänzend, seidig-matt ...
Jetzt grau und runzlig anzuschau'n.
Deine Form – einst wohlgestalt'
und straff gerundet die Kontur.
So klein geworden, kantig, alt,
gezeichnet von des Lebens Spur.
Bitter schmeckt des Alters Pill',
der Herbst dein Lebensfrühling war.
Ruhst tief in meiner Tasche still,
Kastanie aus dem letzten Jahr ...
Slov ant Gali
Oktober
welche bunte farbenpracht
und herbstgold wird verschenkt
doch kühler wird die nacht
der sommer wird versenkt
im baumstamm steht noch saft
bis hin ins grüne laub
das hat noch lebenskraft
die oben sind schon taub
bald fallen alle ab
beginnen zu vermodern
gehn ein ins erdengrab
bis frühlingsfeuer lodern
Slov ant Gali
Menschen mit Preis
Der eine schafft, maschinengleich.
Er schaut auf seinen Dienstbeginn,
besetzt beherrscht sein Schreibtischreich
und findet rechnungsbuchend Sinn.
Er wird in Ruhe alt
beim Zählen von Gehalt.
Der zweite wurstelt tief im Dreck,
er repariert und baut und macht.
Dabei geht Stund um Stunde weg
an Werkbank, putzend, wo es kracht.
Sehr rissig sind die Hände schon,
doch schafft er was, bekommt er Lohn.
Ein Dritter, der ist kreativ,
kennt keine feste Arbeitszeit.
Er tüftelt, wo liegt etwas schief,
fühlt sich zu Höchstem stets bereit.
Der Einfallsreichtum bringt am Ende
ihm eine satte Dividende.
Blick Nummer eins meint, so ists Recht:
ein jeder kriegt das Seine.
Doch ists ein Witz, und der ist schlecht,
bedenkt man noch das eine:
Streich einen von den dreien weg,
bleibt Dreck.
Hältst du verschieden viel sie wert,
liegst du vielleicht total verkehrt.
x
7.10.
x
Was läge an diesem Tag, an dem die DDR gegründet worden ist, näher, als sich hier des Mannes, der sich ewige Verbannung dadurch verdient hat, dass er den Wunsch „...dass nie mehr eine Mutter ihren Sohn beweint“ als Lehre des zurückliegenden Krieges in die Nationalhymne eines deutschen Staates hineindichtete, zu erinnern. An Johannes R. kann man wohl nur im zeitlichen Umfeld verstehen.
Ähnlich und doch anders ist es bei "Sippenhaft" und "Der heute nicht feiert". An diesen Gedichten habe ich allerdings wenig korrgiert...
Slov ant Gali
An Johannes R.
glück ists
im rechten augenblick zu sterben
nicht anzusehen
wie die erste saat zerstört
zuletzt noch fühlen dürfen
was du kannst vererben
und glauben
wem die welt gehört
die zukunft wird so licht
wenn tiefen durchgestanden
die kraft des ich-magneten siegte scheinbar nicht
du sahst den sog des wir den alle fanden
der prägen würde nächster zeit gesicht
das fundament der hoffnung musste halten
es war so vieles neues zu gestalten
und in des vorwärts träumens augenblick
holt´ unsre erde dich zu sich zurück
ein wicht wie ich ist nur zurück geblieben
und fragt wie kann ich jene menschen lieben
die der geschichte rad nach rückwärts drehten
die leicht zertraten was die deinen säten
doch hoff ich auf noch unentdeckten sinn
dass ich im heute und am leben bin
Slov ant Gali
Der heute nicht feiert
früher hing
meine rote fahne
im wind
und ich
sprach von
überlegenheit
unseres systems
heute
umklammern
ein schwarzer
und ein goldener streifen
das rot
meiner fahne
bei grillwurst und bier
warte ich auf
den nächsten fußballtitel
meines deutschlands
im marktwind
schon damals
waren meine
mainelken
nicht echt
schon damals
waren seine
mainelken
nicht echt
Slov ant Gali
Sippenhaft
als verbrechen
mir zur last gelegt
geboren in
geboren für
das falsche DEUTSCHLAND
sorge morgens wie abends
die kinder büßen
meine strafe fort
bräche ich
das schloss
in eine bessere gesellschaft
hielte mich
keine strafverschärfung ab
vor dem versuch
auszubrechen
nach so vielen falschen türen
muss endlich
die nächste
die richtige sein
x
8.10.
x
Mit den ersten beiden Gedichten der gleichartigen Überschrift haben die beiden folgenden Arrival (3) und Arrival (4) vielleicht wenig zu tun - oder muss ich verraten, welch Schreibanlass Ausgangspunkt aller vier Gedichte war?
Bleibt noch der Hinweis, dass ich eigentlich SF-Autor bin: "Universum"...
Slov ant Gali
Arrival (3)
es warten
die würmer
auch die nächsten
haben hunger
Slov ant Gali
Arrival (4)
viele vertraute stimmen
singen
schon lange
nicht mehr
ich
mische
den ganzen chor
durch meine
stimme ab
und erkenne sie
nicht mehr
schön
ist das lied
nicht mehr
Slov ant Gali
Universum
Gerade heute
entdeckte sich
GOTT
im science fiktion roman
das sei nur relativ
schimpft Einstein
noch dazu unscharf
vermerkt Heisenberg
worauf Newton
den ALTEN
in ein wurmloch versenkt
von dem er nichts weiß
die gekrümmte raumzeit
überholend
landet sohn JESUS
in einer zukunft
in der er aufrecht laufende wesen
für menschen hält
allein es ist das Murmeltier
das grüßt
bevor die gezündete bombe
zum pilz reift
x
9.10.
x
Gunda Jaron sei auf ihr Gedicht „Fernweh“ geantwortet: Manchmal ist eine solche Situation die Kraft, die eine Beziehung überhaupt erhält...
Ist das nun ein Gedicht? "Fortschritt" besteht eigentlich nur aus zwei deutschen Sätzen. Allerdings glaube ich, aus zwei "verdichteten"...
Tja, dann erinnere ich daran, dass ich einmal kein wiegenlied geschrieben habe...
Slov ant Gali
kein wiegenlied
wenn
auf steigendem wasser
fische den regenbogen erklettern
ist frieden
wenn leere nussschalen
einsamen segels im wind schaukeln
ist frieden
wenn niemand mehr
dem gesang der gegangenen
lauscht
ist frieden
schlafe nur
schlafe
Gunda Jaron
Fernweh
heißer Atem flüstert Namen
Härchen senkrecht auf der Haut
suche, deinen Duft zu ahnen
bist mir fern und doch vertraut
möchte deine Lippen spüren
deine Hand in meinem Haar
Blicke sollen mich berühren
bist mir fern und doch so nah
Fingerspitzen tasten Leere
Hand umklammert Telefon
wünschte, dass ich bei dir wäre
Stimme schenkt mir Illusion
Slov ant Gali
Fortschritt
Als den Dieben
klar geworden,
was ihnen ihre
Fingerabdrücke einbrachten,
stahlen sie
in Handschuhen.
In Panzerschränken
ruht die Zeit
ohne Diebe.
10.10.
Slov ant Gali
„Der Herbststurm liebt die Baumnatur
in absoluter Nacktkultur...“
Hurrrra, das ultimative Herrrrrbstgedicht ist da! Geschüttelt und gerrreimt errrrfreut mich ein „Vergeblicher Sturm“. Ob ich damit allein bleibe?
Das letzte neue Gedicht sollte man nicht mit zu genauer Elle messen. Es ist erheiterter Ausdruck meiner besonderen Verehrung für Dieter Bo. und andere Sonnen am Himmel des Buchmarktes... "Antiwerbung". Passend hierzu Bauchgefühl von Gunda Jaron...
x
Slov ant Gali
Vergeblicher Sturm
Der Herbststurm liebt die Baumnatur
in absoluter Nacktkultur.
Wird sattes Grün erst gelb, dann bunter,
reist er das Blätterkleid herunter.
Er wütet mit den Tannenmadeln,
weil die noch immer voller Nadeln:
Auch Erlen lassen alles fallen
bevor Novembernebel wallen.
Bald überdecke ich euch weiß,
doch euer Grün macht mich ganz heiß.
Ich bringe euch die kalte Welt,
vor der, was grün, in Starre fällt.
Wir sind´s, die stolz dir widerstehen,
die grüne Wege weiter gehen.
Es kennt das Mütterchen Natur
nicht einen Trutz für Kälte nur.
Klar wirst du es nicht unterlassen,
uns unters Nadelkleid zu fassen.
Doch selbst der Mensch erfreut sich kaum
an splitternacktem Weihnachtsbaum.
Antiwerbung
Wie fühlten sich die Leser betrogen.
Der Rezensent hatte hier Recht:
Das Buch war so schrecklich verlogen
und geschrieben war es sehr schlecht.
Er hatte nichts andres geschrieben,
also wurd es in Scharen gekauft -
mitunter darf man nicht lieben,
was Rezensenten die Haare ausrauft.
Gunda Jaron
Bauchgefühl
mein Verstand sagt
geh
bevor dein Herz bricht
klare Aussage
mein Herz sagt
bleib
auf einen Riss mehr oder weniger
kommt es nicht an
klare Aussage
nur mein Bauch,
der sich sonst immer
in alle Entscheidungen einmischt
meldet sich
äußerst schwer verständlich
ausgerechnet heute
Flatulenzen
ich glaube
schon alleine deshalb
werde ich
auf meinen Verstand hören
x
11.10.
Wem bei "Wildreime" ein Zitat aus einem Drama Friedrich Schillers einfällt, der liegt sehr bedingt richtig. Dem Sinn des Satzes nach allerdings ja... Wer mir Hinweise geben könnte, wie und wo ich daran weiter arbeiten sollte... Ob das entschuldigt, dass ich mit "Albtraum Aladin" und "kein sterben" in Erinnerungen schwelge? Aber ich kann es nur immer wieder betonen: in "worträume" gibt es solche Gedichte... und eben ganz andere.
Slov ant Gali
Albtraum Aladin
Gerade
als er sich
in die
märchenhaft
schöne frau
verliebte
legte sich
ein fliegender
bombenteppich
über ihn
nächtens
im mondlicht
ruft er
nach mir
Slov ant Gali
Kein Sterben
Nicht schleimspur sein
auf dem asphalt
nicht im fleck enden
kaum mehr ahnbar
vom truck der zeit
überrollt
will mit allen sehnen sehnen
mit allen sinnen sinnen
selbst
mit matten muskeln noch
bewegen was mir zu schwer
früh genug kommt
das knacken der knochen
Slov ant Gali
Wildreime
Einst war es mal wieder soweit,
dass ein Herr seinem Neger sagte,
Die Freiheit zu schenken bereit
bin ich und du kannst jetzt gehn.
Wer will, mag´s als Güte sehn,
sprach der, Ich aber nicht.
Nicht, dass ich mich beklagte,
doch Freiheit hat nur Gewicht
dem, der sie nutzen kann
wie ich als junger Mann.
Jetzt bin ich alter Greis
mit Müh für dich geworden
und Freiheit ist ein Preis,
der gleich kommt, mich zu morden.
Die Babys seien gleich
geboren überall
ein jedes etwas reich...
Und geschenkt? Auf keinen Fall!
12.10.
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"...Und die Rouladen, ich will´s nicht vergessen,
hat er heimlich als Gulasch gegessen..."
Auch das ist eine Premiere: Ich stelle als "Intro" jenen Gedichtschluss vor, GEGEN den ich mich schließlich entschieden habe. Aber worauf das "Gedicht über ein Gericht" hinausläuft, dass also kein Richter, sondern nur ein Hobbykoch sich darin entdecken kann, und der büttenrednerische Touch - dies wird schon deutlich. Sollte jemand über die Reimstruktur meckern... Es ist eine vorhanden... Das ist kein "Missverständnis", wie das zweite Gedicht, das sich mit der Heiterkeit beim Psychater befasst...
Achtung: Das folgende "Lied mit viel Ende" ist politisch! Vor dem Anklicken befragen Sie (sofern gerade zur Hand) Ihren Psychater (s.o.) oder eine andere inkompetente Meinung aus der Nachbarschaft!
x
Slov ant Gali
Missverständnis
Wann, lieber Mann, wolln Sie beginnen,
und Heiterkeiten abgewinnen
dem Leben, dass Sie furchtbar quält.
Das ist´s, was Ihrem Dasein fehlt.
Ganz überzeugend klingt die Kunde
aus des Psychaters weisem Munde.
Und der Patient spielt ihm sogleich
zum Lachen einen bösen Streich.
Wonach pikiert der Fachmann meint,
so habe er das nicht gemeint.
Slov ant Gali
Ein Gedicht über ein Gericht
Zwei Rindsrouladen träumten in der Dose
gefüllt mit mehlgepanschter Soße
von einer Zunge Feingeschmack
und auf der Dose glänzte Lack.
An einem schönen Sonnentage
vielleicht war´s regnerisch sogar
veränderte sich ihre Lage,
weil jene Dose offen war...
Des Hobbykoches leichte Hand
kippt in die Pfanne sie galant,
mit einem Dosenwendegriff
wozu der Koch vergnüglich pfiff.
Doch dabei merkt er voll Entsetzen,
Rouladens Eifer rauszuhetzen
ist übertrieben, wild und toll,
dass aus der Dos´ nur Soße quoll.
Die beiden drängeln, stoßen, drücken,
und klemmen aneinander fest,
sie zu befrein geht nur in Stücken.
Wie Gulasch wirkt der braune Rest.
Der Hobbykoch führt seinen Gast sodann
zu einem Wirt, der kochen kann,
bemerkt nicht an der Sonntagshose
die Tropfen von Rouladensoße.
Zum Schluss hat jeder einen Schaden:
der Koch, die Hose, die Rouladen.
Vielleicht, und das hat mehr Gewicht,
die Liebe mit dem Gaste nicht.
Denn gibt es Dosenfleisch zu futtern,
schmeckt´s nur sehr selten wie bei Muttern.
Slov ant Gali
Lied mit viel Ende
Der Adel einst hat nachgedacht,
was er mit seinen Enkeln macht.
Die waren nutzlos, überflüssig
das Volk war ihrer überdrüssig.
Doch bleibt für sie am bösen Ende
ne dicke, fette Dividende.
Der Fortschritt laut um Hilfe rief,
wo ist der Mensch, der kreativ
zum Menschheitsnutzen was erdenkt,
das auch ihm selbst viel Reichtum schenkt?
Von diesem Fortschritt bleibt am Ende
für ein paar Erben Dividende.
Gefordert vom Gewerkschaftssohn
wird für die Massen höh´rer Lohn
an Stelle einer Revlution,
die stände vor der Türe schon.
Was macht ihn butterweich am Ende?
Ein kleiner Zipfel Dividende.
In ein paar Ländern dacht´ man, sei
die Kapitalzeit schon vorbei.
Vor lauter Weihrauch schien indessen
die kleine Freiheit ganz vergessen.
So gab es rücklings eine Wende
zur alten Macht der Dividende.
Wenn die noch lange weiter geht,
das große Chaos vor uns steht.
Erst wenn die Masse es erkannte,
des Übels Wurzel klar benannte,
dann ginge endlich mal zu Ende
das Lied von nichts als Dividende.
13.10.
x
Dem ersten Gedicht für heute den Titel Siegfried 2009 zu geben, mag gewagt sein. Es sichert allerdings das Verständnis de Bilder (hoffe ich) - und die, die meinen, einen Teil des Gedichts schon zu kennen - richtig: es ist eine Überarbeitung...
Nein, es ist nicht Opa als Mobbingopfer, der „ausgang“ hat, sondern tiefe Ablehnung alles Militärischen und einer deutschen Welt-Befriedungs-Armee im Besonderen, die mit diesen Worten ausgedrückt werden soll.
Wenn ich dagegen gefragt werde, was ich denn eigentlich will, kann ich nur antworten: „paradise now“...
Slov ant Gali
Siegfried 2009
fühl
wie weich
mein kleid über
geschundener haut
kaum schutz
vor wettern
draußen
für dich
lege ich auch
diese letzte
hülle ab und
lass dich
mich lernen
wenn uns
ein lindenblatt
auf die schulter
fällt
werden wir es
einander
verraten
Slov ant Gali
ausgang
sie steht
als wäre es
völlig normal
vor mir
diese uniform
diese
kampfuniform
tarnfarben
deutsche ärmel
sie küsst
ein mädchen
in seinen armen
und bleibt mir
feind
im besetzten land
Slov ant Gali
paradise now
barfuß
zur himmelstür
eintreten
nie mehr
klopfen
klinke putzen
leeres leben
lieber treten
wenn dahinter
wieder
lucifer
wohnt
blasen
sind den füßen
bekannt
14.10.
x
Zum Folgenden höre ich einen weisen Prediger sagen: Spotte nicht dem Alter – auch du kommst bald dahin! Doch warum soll mein LI sich nicht zu einer „Herbstelegie eines Tattergreises“ hinreißen lassen???
Ganz andere Bilder findet Ursula Gressmann in "Tagtraum" für den Wind im Herbst...
Manchmal wünschte das LI sicher, es könnte alles, was so an ihm "vorübergeht", einfach so vorübergehen lassen. Aber es muss sich mit einem anderen "Ausweg" glücklich finden...
Slov ant Gali
Herbstelegie eines Tattergreises
Der Herbst ist meine Jahreszeit
auch ich wär gerne bunt;
und Sommerrestbeweglichkeit
hält mich zum Glück gesund.
Doch meines Hauptes Spitzen sind
nicht gelb, nicht rot, nein grau.
Und blöst den Wald der kalte Wind
seh ich es ganz genau:
Ich reiz nicht mehr zur Liebeslust
und nicht zu wildem Tun
Ich sehe im Novemberfrust
mich schon im Grabe ruhn.
Doch ein paar Tage bleiben noch
von meinem alten Jahr.
Verkleid´ ich mich als Hobbykoch
und Weihnachtsmann sogar.
Ursula Gressmann
Tagtraum
Laub knistert unter
meinen Füßen und
flüstert vom
nahenden Winter.
Blassblau wölbt sich
der Himmel über mir,
leise rufe ich nach dir,
doch nur der Wind
antwortet mir.
Slov ant Gali
Ausweg
Wenn der Nachbar ohne Worte
seine Wohnungstür verschließt.
Wenn die Schüler Listen schreiben,
wen sie hassen, bis wer schießt...
dann umringen mich die Reime
voller Suchen nach dem Sinn.
Und trotz nicht perfekter Brille
und trotz zäh geleimter Stille
treibt es mich zum Schreiben hin.
15.10.
x
Bei keinem anderen Thema gibt es eine größere Schwemme von Gedichten und solchen, die es sein sollen, wie dem der Liebe und der durch sie erreichten Erfüllung. Und doch: Auch ich probiere mich gelegentlich daran. Diesmal mit „narblos“.
Schreiben ist ein kreativer Prozess. Manchmal wird erst etwas komplizierter, dann einfacher gesagt, was komplizierter ist. Dies soll die anfängliche „Langfassung“ „Selbst herrlich“ im Vergleich mit „terra cognita?“ belegen... aber fertig... wahrscheinlich bin ich es noch nicht...
Slov ant Gali
narblos
Wenn ich mich
zu dir lege
nach dem Tageslicht,
schaut dein Leben
über deine Schultern
und meines
über meine
Ich möchte dir
die wunde Haut
mit salzlosen Tränen
waschen.
Du sagst,
salzlose Tränen
gibt es nicht.
Slov ant Gali
Selbst herrlich
Ich gründe
meinen Staat.
Wo er besteht,
ist keiner mehr,
denn
Grenzen
kennt er nicht.
Ich schenke jedem
seine Bürgerschaft
schreibe Nationalität
Mensch
besondere Merkmale
natürlich – was sonst
Hautfarbe
vorhanden
Ich werde doch
träumen dürfen
Slov ant Gali
terra cognita?
in meiner welt
gibt es
keinen staat
keine grenzen
keine pässe
nur
menschen