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jeden Tag neue Gedichte - von Slov ant Gali und Gästen

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1.-15. Oktober 2009

 

 

1.10.

Wie etwa hätte Lenins Schrift „Was tun?“ geklungen, wäre sie von Heinz Erhardt geschrieben worden? Ich habe mich der Mühe unterzogen, dieser bisher wissenschaftlich noch nicht erforschte Frage po-etisch nachzugehen, und stelle hier das Ergebnis meiner Arbeit vor...

Ursula Gressmann hat mir ein Gedicht angeboten, dass den schlichten Titel „Spätsommer“ trägt. Ich sehe sie regelrecht vor mir bei einem Spaziergang, der dieses Gedicht erzwang. Einen gleichartigen Spaziergang habe auch ich mir erlaubt. Nur dabei kam ein Produkt mit der Überschrift Herbstgedicht - geschrieben von und im Eichendorf nach dem siebten Grog heraus. Dass der echte Romantiker mit zwei Eff geschrieben wird, ist allein sein Problem. Man möge es mir verzeihen...

 

 

Slov ant Gali

Was tun?



Es fordert die Made vom Mädchen,

Komm übe dich in Geduld.

Dass du nicht als Falter geboren,

ist allein deiner Vorfahren Schuld.



Es muffelt das Mädchen zur Made:

Es redet sich gut im Speck.

Doch bevor ich vielleicht mich entfalte,

holt womöglich ein Schnabel mich weg.



Es doziert die Made das Mädchen:

Ein jedes braucht seine Zeit.

Im Augenblick kannst du nur Fressen,

für bessere Zeiten bereit.



Es ist ein Bauer gekommen,

der verfüttert den Speck ans Schwein.

Auf bessere Zeiten wartet

das Mädchen verlassen allein.

 

Ursula Gressmann

Spätsommer

Ein welkes Blatt,
dann über Nacht,
Farbenpracht.
Gelb, rot, purpurn,
glüht das Laub,
entferntes
Bienengesumm.
Hagebutten leuchten,
wie kleine Feuer.
Zwischen den Zweigen
Spinnwebenhaar.
Abendlicht, das sich
wie transparentes
Gold ergießt.

 



Slov ant Gali

Herbstgedicht

geschrieben von und im Eichendorf nach dem siebten Grog


Es stehet das Bäumchen ganz stille

errötend in windfreier Nacht.

Längst schweigt seine Freundin, die Grille,

und es hat an die Zukunft gedacht:



Bald blasen die frostigen Winde

und machen es nackig und bloß.

Ein Schneemann, geliebt von nem Kinde,

wird die Mohrrübennase los.



Das Bäumchen möcht so gern sich verbergen,

wenn es achtlos umgangen friert.

und sich zwischen Riesen und Zwergen

der Entkleidung wegen geniert.



Es sind später sprießende Triebe,

die das Bäumchen im Winter bewahrt,

denn solch Bäumchen voller Früchte und Liebe,

wird ein Baum, der sich krönet und jahrt.

 

 

 

2.10.

 

Welches Thema liegt an Tagen wie diesem näher als Ursula Gressmanns „Abschied vom Sommer“?

Lieben sich eigentlich Eulen auch im Herbst? Das gehört eigentlich nicht zu den Dingen, die ihnennachgesagt werden. Aber ich werd doch fragen dürfen...

Dafür beende ich meine „Gnadenlose Rechnung“ mit einem gnädig freundlichen Schluss – oder liest man das anders?

 

Ursula Gressmann

Abschied vom Sommer

Im Herzen Träume
vom Sommer,
dem Meer und
kreischenden Seevögeln,
Haare,in denen
der Wind spielt,
Sonnenuntergänge,
glutrot und kobaltblau
am Horizont.
Den Geschmack deiner Haut
noch auf den Lippen
weiß ich, der Erdsommer
ist vorbei.
Holzrauch, der Duft
des Herbstes,
liegt in der Luft.
Schmerzhaft das Gelb
der Stoppelfelder und
weit unten noch,
im Brunnen der Zeit,
wartet der Winter.

 

Slov ant Gali

Gnadenlose Rechnung



Bedenke,

flüstert die Müdigkeit in den Morgen,

dein Leben hat

28470 Tage.

Was kümmert dich da

dieser eine?



Ich bedenke es ja,

antworte ich

halbschläfern.

Ich bedenke es seit

16425 Tagen.

Vorher

war ich Kind,

danach werde ich

kindisch sein.

Diesen einen Tag

heute

verschenke ich



an mich.

 

Slov ant Gali

Nachgesagt

 

Du bist eine hässliche eule

sprach der uhu …

und er lachte leise

was menschen alles

ausbrüten

sie kennen dich nicht

in schöner nacht


dann liebte er sie

und niemand sah zu

 

 

3.10.

„Tag der Einheit“? Ich halte es für angebracht, an diesem Tag an eine wünschenswertere deutsche Nationalhymne zu erinnern und erlaube mir ausnahmsweise, den O-Text von Johannes R. Becher hier zur Diskussion zu stellen. Ein Land, dass sich am Hindukusch „verteidigen“ muss, darf eine solche nicht haben, natürlich...

Tja... wo sind WIR angekommen? Man sollte nicht gleich weglaufen, wenn ich schon wieder an „im gang“ erinnere. Ist es wirklich unpassend?

Persönlicher, ja fast ver-söhnlicher klingt da „Dem Mahnenden“. Dafür gibt es einen einfachen Grund: Die Hoffnung stirbt zuletzt... Deshalb findet sich das Gedicht auch unter "Entschuldigung"...

 

 

1.
Auferstanden aus Ruinen 
Und der Zukunft zugewandt,
Laß uns dir zum Guten dienen,
Deutschland, einig Vaterland.
Alte Not gilt es zu zwingen,
Und wir zwingen sie vereint,
Denn es muß uns doch gelingen,
Daß die Sonne schön wie nie
|: Über Deutschland scheint. :|


2.
Glück und Frieden sei beschieden
Deutschland, unserm Vaterland.
Alle Welt sehnt sich nach Frieden,
Reicht den Völkern eure Hand.
Wenn wir brüderlich uns einen,
Schlagen wir des Volkes Feind!
Laßt das Licht des Friedens scheinen,
Daß nie eine Mutter mehr
|: Ihren Sohn beweint. :|


3. Laßt uns pflügen, laßt uns bauen,
Lernt und schafft wie nie zuvor,
Und der eignen Kraft vertrauend,
Steigt ein frei Geschlecht empor.
Deutsche Jugend, bestes Streben,
Unsres Volks in dir vereint,
Wirst du Deutschland neues Leben,
Und die Sonne schön wie nie
|: Über Deutschland scheint. :|

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dem Mahnenden

 

Frisch gehäutet

erwarte ich dich

am apfelbaum


mein rucksack

noch

gestopft mit verletzungen

die ich

blind sehend angerichtet

nicht alle fehler

die mir zu schwer geworden

lassen sich leicht

abwerfen


ich schlüpfe im weiterwandern

in neue namen

hinauf zur quelle am gipfel

finde sie

oder mich

oder beides

oder nichts davon

 

Slov ant Gali

im gang

 

Die überweisung mit stempel

kann ich nicht lesen

beim wegrennen

bräche mir

verstand und

arm und

bein

ich lasse mein handy

um hilfe klingeln

ringsum antworten

defekte herzschrittmacher

die nachtschwester ersetzt

lungenflügel

durch frisch entfernte

blinddärme

der chefarzt spritzt

in die praktikantin

auf einer bahre

werde ich

weitergeschoben

mir

soll

die zukunft gehören

 

 

 

 

x

4.10.

Ich musste mir von jemand vorwerfen lassen, Slovs Gedanken-Lyrik sage ihm nicht zu. Ein Gedicht müsse massentauglich gereimt sein. Bitte: „Der Star“ ist es. Damit ich dem offensichtlich schlechten Ruf gut entsprechen kann: „Arrival (1)“ ist nicht gereimt, sondern langsam zu lesende schwere Wort-Lyrik...  Und gleich noch „Arrival (2)“ hinterher. Ein Liebesbekenntnis, das man nur einmal abgeben kann – und das mit dem vorigen trotz des Titels eigentlich nichts gemeinsam hat...
Zugabe heute: Trauriges Kampflied.....

 

 

 

Slov ant Gali

Der Star



Der Hinz, der etwas eitel war,

schrieb drei Gedichte übers Jahr.

Die schienen ihm sehr wohlgelungen,

worauf er es sich abgerungen,

dass er im illustrierten Band

sich unter Dichtern wiederfand.



Gefragt, wer denn sein Vorbild sei,

sprach er, er wisse nicht mal zwei.

Er fände gut den Wilhelm Busch.

Allein, der schrieb so husch-husch-husch.

Weshalb als Vorbild sich am Ende

nur Hinz allein geeignet fände.

 

 

Slov ant Gali

Arrival (1)

Endlich

brauchen wir

kein Wort

kein Schweigen


was gesagt werden musste

liegt auf der Couch und

Doktor Freud

schläft


ich danke dir

mit den Kuppen

meiner Finger

und wir reiten

davon



Slov ant Gali

Arrival (2)

ich schließe

deine augen

über uns

sonnenaufgang


licht

das mit dir

verlöscht


 

Slov ant Gali

Trauriges Kampflied

 

Werde ich zum markt getragen

schaue ich so traurig aus

denn ich fühl mich nirgends sicher

menschen sehn wie schlachter aus


gebt mir eine lanze

mühlen überall

wenigstens ging ich aufs ganze

kämpfte bis zum fall

 

Don oh Don oh Don Quichoote, Don, oh Don, oh Don Qichott´

Don oh Don oh Don Quichoote, warum nicht der Lanzelot

 

oben fliegt der storch nach süden

kommt zurück wenns ihm gefällt

warum hab ich keine flügel

zu entfliehn der kalten welt

 

gebt mir eine lanze ...

 

Don oh Don ...

 

Werde ich zum markt getragen

sind die arme federlos

und ich schwenk sie auf und nieder

ach wäre ich ein vogel bloß

 

gebt mir eine lanze...


Don oh Don oh Don Quichoote,...

 

 

 

 

5.10.

x

Gunda Jaron eröffnet das Angebot des Tages mir "Lufthauch (II) - Abschied" (der Zufall / wehte dich in mein Leben...)
Weil es meine zweifelhafte "Kunst" ist, immer das zu machen, was gerade nicht zu erwarten wäre, hänge ich eine passende Gegen-Erinnerung an "nachgesang" hinter dem Lied vom schwarzen Schaf"...
Aber gleich danach tue ich einem der großen des vergangenen Jahrhunderts Gewalt an: Aus Bertolt Brechts idyllischer Poesie "Der Rauch" wird mein "Im Krieg" - indem ich vier Wörter verschwinden lasse. (Vielleicht bekommt ja jeder Leser von der Bundeswehr 1000 Euro Entschädigung für die Verletzung).
Als Zugabe heute: "Ein Arschgedicht"...


 

Gunda Jaron

Lufthauch (II) - Abschied

 

der Zufall

wehte dich in mein Leben

 

nicht greifbar für mich

einem Lufthauch gleich

der den Staub

von meinen Gedanken blies

unter die Flügel

meiner Fantasie griff

verborgene Gefühle

aufwirbelte

 

und ich ließ es geschehen

liebte den warmen

weichen

Wind

auf meiner Haut

wissend

er würde nicht bleiben

 

noch einmal

streichelst du sanft meine Wangen

zaust zärtlich mein Haar

 

meine Tränen trocknest du nicht

 

  
Slov ant Gali 

nachgesang



wir alle
sind felsige inseln
im ozean

doch es treibt uns der sturm

manchmal strandgut an


auf uns

reiten sirenen den
sonnigen punkt

und wir bilden uns ein

es habe gefunkt
 

es kuschelt sich
hartes an grindige haut
wir haben uns selbst

so wenig durchschaut

wir wünschen momentlang

dass alles uns bliebe

wenn die flut längst

gestiegen und 
nennen es
liebe

 


Slov ant Gali

Im Krieg

(mit Wörtern Bertolt Brechts)



Das kleine Haus


Unter Bäumen am See


Vom Dach steigt Rauch


Wie trostlos


Haus, Bäume und See


(B. Brecht
 

Der Rauch


Das kleine Haus
Unter Bäumen am See
Vom Dach steigt Rauch
Fehlte er
Wie trostlos dann wären
Haus, Bäume und See)

 

 

  Slov ant Gali 

Ein Arschgedicht

 

Lebte ich am arsch des mondes

hätte ich es gut oh mann

weil wer will am arsch des mondes

ewig lichtlos leben kann


bräuchte nicht den mund zum sprechen

um zu kuschen ja mein herr

müsste keine qualen rächen

nicht um hilfe rufen mehr


keine hand mit knochenfingern

bräuchte einen griff zu tun

stürme ließen mich nicht schlingern

könnte festgewachsen ruhn


bräuchte weder aug noch ohren

müsste sehen nicht und hör´n

keine seele die verloren

könnte meinen frieden stör´n


doch ich leb am arsch der erde

klar dass ich da wütend werde

schlägt man weiter mein gesicht

schieß zurück ich per gedicht

 

 

 

 

6.10.

x

Gunda Jaron spielt sehr erfolgreich mit der Erwartung des Lesers - und als sie in "Vergangen" an der Stelle ankommt, an der sie behauptet, "...der Herbst dein Lebensfrühling war..." war ich glatt in die Falle getappt.
Na, gut... Wenn alle Herbstgedichte anbieten, dann kann ich nicht anders: Ich steuere zu diesem Hype ein Gedicht namens "Oktober" bei, das fast gar nicht hintersinnig und politisch ist... (zwei Strophen haben die Bearbeitung nach einem Jahr übrigens fast unbeschadet überlebt...)
"Menschen mit Wert" ... Dazu höre ich einen Kommentar: Typisch Slov! Noch ist es kein Kompliment...
 

Gunda Jaron

Vergangen

 

Deine Haut – einst streichelglatt,

von sattem Schokoladenbraun,

so kupfrig-glänzend, seidig-matt ...

Jetzt grau und runzlig anzuschau'n.

 

Deine Form – einst wohlgestalt'

und straff gerundet die Kontur.

So klein geworden, kantig, alt,

gezeichnet von des Lebens Spur.

 

Bitter schmeckt des Alters Pill',

der Herbst dein Lebensfrühling war.

Ruhst tief in meiner Tasche still,

Kastanie aus dem letzten Jahr ...


 

  • Slov ant Gali

  • Oktober

  •  

  • welche bunte farbenpracht

  • und herbstgold wird verschenkt

  • doch kühler wird die nacht

  • der sommer wird versenkt

    im baumstamm steht noch saft
    bis hin ins grüne laub
    das hat noch lebenskraft
    die oben sind schon taub

    bald fallen alle ab
    beginnen zu vermodern
    gehn ein ins erdengrab
    bis frühlingsfeuer lodern

Slov ant Gali

Menschen mit Preis



Der eine schafft, maschinengleich.

Er schaut auf seinen Dienstbeginn,

besetzt beherrscht sein Schreibtischreich

und findet rechnungsbuchend Sinn.

Er wird in Ruhe alt

beim Zählen von Gehalt.



Der zweite wurstelt tief im Dreck,

er repariert und baut und macht.

Dabei geht Stund um Stunde weg

an Werkbank, putzend, wo es kracht.

Sehr rissig sind die Hände schon,

doch schafft er was, bekommt er Lohn.



Ein Dritter, der ist kreativ,

kennt keine feste Arbeitszeit.

Er tüftelt, wo liegt etwas schief,

fühlt sich zu Höchstem stets bereit.

Der Einfallsreichtum bringt am Ende

ihm eine satte Dividende.



Blick Nummer eins meint, so ists Recht:

ein jeder kriegt das Seine.

Doch ists ein Witz, und der ist schlecht,

bedenkt man noch das eine:

Streich einen von den dreien weg,

bleibt Dreck.

Hältst du verschieden viel sie wert,

liegst du vielleicht total verkehrt.

 



x

7.10.

x

Was läge an diesem Tag, an dem die DDR gegründet worden ist, näher, als sich hier des Mannes, der sich ewige Verbannung dadurch verdient hat, dass er den Wunsch „...dass nie mehr eine Mutter ihren Sohn beweint“ als Lehre des zurückliegenden Krieges in die Nationalhymne eines deutschen Staates hineindichtete, zu erinnern. An Johannes R. kann man wohl nur im zeitlichen Umfeld verstehen.
Ähnlich und doch anders ist es bei "Sippenhaft" und "Der heute nicht feiert". An diesen Gedichten habe ich allerdings wenig korrgiert...

 

 

Slov ant Gali

An Johannes R.

 

glück ists
im rechten augenblick zu sterben
nicht anzusehen
wie die erste saat zerstört
zuletzt noch fühlen dürfen
was du kannst vererben
und glauben
wem die welt gehört

die zukunft wird so licht
wenn tiefen durchgestanden
die kraft des ich-magneten siegte scheinbar nicht
du sahst den sog des wir den alle fanden
der prägen würde nächster zeit gesicht
das fundament der hoffnung musste halten
es war so vieles neues zu gestalten
und in des vorwärts träumens augenblick
holt´ unsre erde dich zu sich zurück

ein wicht wie ich ist nur zurück geblieben
und fragt wie kann ich jene menschen lieben
die der geschichte rad nach rückwärts drehten
die leicht zertraten was die deinen säten

doch hoff ich auf noch unentdeckten sinn
dass ich im heute und am leben bin

  

 
 

Slov ant Gali

Der heute nicht feiert

 

früher hing
meine rote fahne
im wind
und ich
sprach von
überlegenheit
unseres systems
 

heute
umklammern
ein schwarzer
und ein goldener streifen
das rot
meiner fahne 
 

bei grillwurst und bier
warte ich auf
den nächsten fußballtitel
meines deutschlands
im marktwind
 

schon damals
waren meine
mainelken
nicht echt

 

schon damals
waren seine
mainelken
nicht echt


 

Slov ant Gali

Sippenhaft

als verbrechen
mir zur last gelegt
geboren in
geboren für

das falsche DEUTSCHLAND

sorge morgens wie abends
die kinder büßen
meine strafe fort

 

bräche ich
das schloss
in eine bessere gesellschaft
hielte mich 
keine strafverschärfung ab
vor dem versuch

auszubrechen

nach so vielen falschen türen
muss endlich
die nächste
die richtige sein

 

 

 



x

8.10.

x
Mit den ersten beiden Gedichten der gleichartigen Überschrift haben die beiden folgenden Arrival (3) und Arrival (4) vielleicht wenig zu tun - oder muss ich verraten, welch Schreibanlass Ausgangspunkt aller vier Gedichte war?
Bleibt noch der Hinweis, dass ich eigentlich SF-Autor bin: "Universum"... 

  

Slov ant Gali

Arrival (3)

es warten

die würmer


auch die nächsten


haben hunger

 

 

Slov ant Gali

Arrival (4)



viele vertraute stimmen

singen

schon lange

nicht mehr


ich

mische

den ganzen chor

durch meine

stimme ab 

und erkenne sie

nicht mehr


schön

ist das lied

nicht mehr

 

  

Slov ant Gali

Universum

 

Gerade heute

entdeckte sich

GOTT

im science fiktion roman

das sei nur relativ

schimpft Einstein

noch dazu unscharf

vermerkt Heisenberg

worauf Newton

den ALTEN

in ein wurmloch versenkt

von dem er nichts weiß


die gekrümmte raumzeit

überholend

landet sohn JESUS

in einer zukunft

in der er aufrecht laufende wesen

für menschen hält

allein es ist das Murmeltier

das grüßt

bevor die gezündete bombe

zum pilz reift

x

 

9.10.

x

Gunda Jaron sei auf ihr Gedicht „Fernweh“ geantwortet: Manchmal ist eine solche Situation die Kraft, die eine Beziehung überhaupt erhält...
Ist das nun ein Gedicht? "
Fortschritt" besteht eigentlich nur aus zwei deutschen Sätzen. Allerdings glaube ich, aus zwei "verdichteten"...
Tja, dann erinnere ich daran, dass ich einmal kein wiegenlied  geschrieben habe...


 Slov ant Gali

kein wiegenlied

 

wenn

auf steigendem wasser

fische den regenbogen erklettern

ist frieden


wenn leere nussschalen

einsamen segels im wind schaukeln

ist frieden


wenn niemand mehr

dem gesang der gegangenen

lauscht

ist frieden


schlafe nur

schlafe

 

  Gunda Jaron 

 

  Fernweh



heißer Atem flüstert Namen

Härchen senkrecht auf der Haut

suche, deinen Duft zu ahnen

bist mir fern und doch vertraut



möchte deine Lippen spüren

deine Hand in meinem Haar

Blicke sollen mich berühren

bist mir fern und doch so nah



Fingerspitzen tasten Leere

Hand umklammert Telefon

wünschte, dass ich bei dir wäre

Stimme schenkt mir Illusion

 

 

Slov ant Gali

Fortschritt



Als den Dieben

klar geworden,

was ihnen ihre

Fingerabdrücke einbrachten,

stahlen sie

in Handschuhen.



In Panzerschränken

ruht die Zeit

ohne Diebe.


 

 


 




 

 

 

 





 

 

10.10.

 
Slov ant Gali

Der Herbststurm liebt die Baumnatur

in absoluter Nacktkultur...“

Hurrrra, das ultimative Herrrrrbstgedicht ist da! Geschüttelt und gerrreimt errrrfreut mich ein „Vergeblicher Sturm“. Ob ich damit allein bleibe?

Das letzte neue Gedicht sollte man nicht mit zu genauer Elle messen. Es ist erheiterter Ausdruck meiner besonderen Verehrung für Dieter Bo. und andere Sonnen am Himmel des Buchmarktes... "Antiwerbung". Passend hierzu Bauchgefühl von Gunda Jaron...

x

Slov ant Gali

Vergeblicher Sturm

 

Der Herbststurm liebt die Baumnatur

in absoluter Nacktkultur.

Wird sattes Grün erst gelb, dann bunter,

reist er das Blätterkleid herunter.

Er wütet mit den Tannenmadeln,

weil die noch immer voller Nadeln:

 

Auch Erlen lassen alles fallen

bevor Novembernebel wallen.

Bald überdecke ich euch weiß,

doch euer Grün macht mich ganz heiß.

Ich bringe euch die kalte Welt,

vor der, was grün, in Starre fällt.

 

Wir sind´s, die stolz dir widerstehen,

die grüne Wege weiter gehen.

Es kennt das Mütterchen Natur

nicht einen Trutz für Kälte nur.

Klar wirst du es nicht unterlassen,

uns unters Nadelkleid zu fassen.

Doch selbst der Mensch erfreut sich kaum

an splitternacktem Weihnachtsbaum.

 

Antiwerbung

 

Wie fühlten sich die Leser betrogen.

Der Rezensent hatte hier Recht:

Das Buch war so schrecklich verlogen

und geschrieben war es sehr schlecht.



Er hatte nichts andres geschrieben,

also wurd es in Scharen gekauft -

mitunter darf man nicht lieben,

was Rezensenten die Haare ausrauft.



 

Gunda Jaron
Bauchgefühl


mein Verstand sagt
geh
bevor dein Herz bricht

klare Aussage

mein Herz sagt
bleib
auf einen Riss mehr oder weniger
kommt es nicht an

klare Aussage

nur mein Bauch,
der sich sonst immer
in alle Entscheidungen einmischt
meldet sich
äußerst schwer verständlich

ausgerechnet heute
Flatulenzen

ich glaube
schon alleine deshalb
werde ich
auf meinen Verstand hören

x

11.10.

Wem bei "Wildreime" ein Zitat aus einem Drama Friedrich Schillers einfällt, der liegt sehr bedingt richtig. Dem Sinn des Satzes nach allerdings ja... Wer mir Hinweise geben könnte, wie und wo ich daran weiter arbeiten sollte... Ob das entschuldigt, dass ich mit "Albtraum Aladin" und "kein sterben" in Erinnerungen schwelge? Aber ich kann es nur immer wieder betonen: in "worträume" gibt es solche Gedichte... und eben ganz andere.


 

 Slov ant Gali

Albtraum Aladin

 

Gerade

als er sich

in die

märchenhaft

schöne frau

verliebte

legte sich

ein fliegender

bombenteppich

über ihn


nächtens

im mondlicht

ruft er

nach mir


Slov ant Gali

 

 

Kein Sterben

 

Nicht schleimspur sein

auf dem asphalt

nicht im fleck enden

kaum mehr ahnbar

vom truck der zeit

überrollt


will mit allen sehnen sehnen

mit allen sinnen sinnen

selbst

mit matten muskeln noch

bewegen was mir zu schwer


früh genug kommt

das knacken der knochen




Slov ant Gali

Wildreime



Einst war es mal wieder soweit,

dass ein Herr seinem Neger sagte,

Die Freiheit zu schenken bereit

bin ich und du kannst jetzt gehn.

Wer will, mag´s als Güte sehn,

sprach der, Ich aber nicht.

Nicht, dass ich mich beklagte,

doch Freiheit hat nur Gewicht

dem, der sie nutzen kann

wie ich als junger Mann.

Jetzt bin ich alter Greis

mit Müh für dich geworden

und Freiheit ist ein Preis,

der gleich kommt, mich zu morden.

Die Babys seien gleich

geboren überall

ein jedes etwas reich...

Und geschenkt? Auf keinen Fall! 
 

12.10.

x
 

"...Und die Rouladen, ich will´s nicht vergessen,

hat er heimlich als Gulasch gegessen..."

Auch das ist eine Premiere: Ich stelle als "Intro" jenen Gedichtschluss vor, GEGEN den ich mich schließlich entschieden habe. Aber worauf das "Gedicht über ein Gericht" hinausläuft, dass also kein Richter, sondern nur ein Hobbykoch sich darin entdecken kann, und der büttenrednerische Touch - dies wird schon deutlich. Sollte jemand über die Reimstruktur meckern... Es ist eine vorhanden... Das ist kein "Missverständnis", wie das zweite Gedicht, das sich mit der Heiterkeit beim Psychater befasst...
Achtung: Das folgende "Lied mit viel Ende" ist politisch! Vor dem Anklicken befragen Sie (sofern gerade zur Hand) Ihren Psychater (s.o.) oder eine andere inkompetente Meinung aus der Nachbarschaft!

x

Slov ant Gali

Missverständnis

 

Wann, lieber Mann, wolln Sie beginnen,

und Heiterkeiten abgewinnen

dem Leben, dass Sie furchtbar quält.

Das ist´s, was Ihrem Dasein fehlt.


Ganz überzeugend klingt die Kunde

aus des Psychaters weisem Munde.


Und der Patient spielt ihm sogleich

zum Lachen einen bösen Streich.

Wonach pikiert der Fachmann meint,

so habe er das nicht gemeint.







Slov ant Gali

Ein Gedicht über ein Gericht



Zwei Rindsrouladen träumten in der Dose

gefüllt mit mehlgepanschter Soße

von einer Zunge Feingeschmack

und auf der Dose glänzte Lack.



An einem schönen Sonnentage

vielleicht war´s regnerisch sogar

veränderte sich ihre Lage,

weil jene Dose offen war...



Des Hobbykoches leichte Hand

kippt in die Pfanne sie galant,

mit einem Dosenwendegriff

wozu der Koch vergnüglich pfiff.



Doch dabei merkt er voll Entsetzen,

Rouladens Eifer rauszuhetzen

ist übertrieben, wild und toll,

dass aus der Dos´ nur Soße quoll.



Die beiden drängeln, stoßen, drücken,

und klemmen aneinander fest,

sie zu befrein geht nur in Stücken.

Wie Gulasch wirkt der braune Rest.



Der Hobbykoch führt seinen Gast sodann

zu einem Wirt, der kochen kann,

bemerkt nicht an der Sonntagshose

die Tropfen von Rouladensoße.



Zum Schluss hat jeder einen Schaden:

der Koch, die Hose, die Rouladen.

Vielleicht, und das hat mehr Gewicht,

die Liebe mit dem Gaste nicht.

Denn gibt es Dosenfleisch zu futtern,

schmeckt´s nur sehr selten wie bei Muttern.

 

  

Slov ant Gali

Lied mit viel Ende



Der Adel einst hat nachgedacht,

was er mit seinen Enkeln macht.

Die waren nutzlos, überflüssig

das Volk war ihrer überdrüssig.

Doch bleibt für sie am bösen Ende

ne dicke, fette Dividende.



Der Fortschritt laut um Hilfe rief,

wo ist der Mensch, der kreativ

zum Menschheitsnutzen was erdenkt,

das auch ihm selbst viel Reichtum schenkt?

Von diesem Fortschritt bleibt am Ende

für ein paar Erben Dividende.



Gefordert vom Gewerkschaftssohn

wird für die Massen höh´rer Lohn

an Stelle einer Revlution,

die stände vor der Türe schon.

Was macht ihn butterweich am Ende?

Ein kleiner Zipfel Dividende.


In ein paar Ländern dacht´ man, sei

die Kapitalzeit schon vorbei.

Vor lauter Weihrauch schien indessen

die kleine Freiheit ganz vergessen.

So gab es rücklings eine Wende

zur alten Macht der Dividende.

 


Wenn die noch lange weiter geht,

das große Chaos vor uns steht.

Erst wenn die Masse es erkannte,

des Übels Wurzel klar benannte,

dann ginge endlich mal zu Ende

das Lied von nichts als Dividende.

 

 

13.10.

x

 

Dem ersten Gedicht für heute den Titel Siegfried 2009 zu geben, mag gewagt sein. Es sichert allerdings das Verständnis de Bilder (hoffe ich) -  und die, die meinen, einen Teil des Gedichts schon zu kennen - richtig: es ist eine Überarbeitung...
Nein, es ist nicht Opa als Mobbingopfer, der „ausgang“ hat, sondern tiefe Ablehnung alles Militärischen und einer deutschen Welt-Befriedungs-Armee im Besonderen, die mit diesen Worten ausgedrückt werden soll.

Wenn ich dagegen gefragt werde, was ich denn eigentlich will, kann ich nur antworten: „paradise now“...

 

Slov ant Gali

Siegfried 2009

 

  

fühl

wie weich

mein kleid über

geschundener haut

kaum schutz

vor wettern

draußen

für dich

lege ich auch

diese letzte

hülle ab und

lass dich

mich lernen

 

 

wenn uns

ein lindenblatt

auf die schulter

fällt

werden wir es

einander

verraten

 

Slov ant Gali

ausgang

 

sie steht

als wäre es

völlig normal

vor mir

diese uniform

diese

kampfuniform

tarnfarben

deutsche ärmel

 

sie küsst

ein mädchen

in seinen armen

und bleibt mir

feind

im besetzten land



(Sprechversion)

 

Slov ant Gali

paradise now

 

barfuß

zur himmelstür

eintreten

nie mehr

klopfen

klinke putzen

leeres leben

lieber treten

wenn dahinter

wieder

lucifer

wohnt

blasen

sind den füßen

bekannt

 



 

14.10.

x

  

Zum Folgenden höre ich einen weisen Prediger sagen: Spotte nicht dem Alter – auch du kommst bald dahin! Doch warum soll mein LI sich nicht zu einer „Herbstelegie eines Tattergreises“ hinreißen lassen???
Ganz andere Bilder findet Ursula Gressmann in "Tagtraum" für den Wind im Herbst... 
Manchmal wünschte das LI sicher, es könnte alles, was so an ihm "vorübergeht", einfach so vorübergehen lassen. Aber es muss sich mit einem anderen "Ausweg" glücklich finden...

 

 

Slov ant Gali

Herbstelegie eines Tattergreises



Der Herbst ist meine Jahreszeit

auch ich wär gerne bunt;

und Sommerrestbeweglichkeit

hält mich zum Glück gesund.



Doch meines Hauptes Spitzen sind

nicht gelb, nicht rot, nein grau.

Und blöst den Wald der kalte Wind

seh ich es ganz genau:



Ich reiz nicht mehr zur Liebeslust

und nicht zu wildem Tun

Ich sehe im Novemberfrust

mich schon im Grabe ruhn.



Doch ein paar Tage bleiben noch

von meinem alten Jahr.

Verkleid´ ich mich als Hobbykoch

und Weihnachtsmann sogar.

 

Ursula Gressmann

Tagtraum

Laub knistert unter
meinen Füßen und
flüstert vom
nahenden Winter.
Blassblau wölbt sich
der Himmel über mir,
leise rufe ich nach dir,
doch nur der Wind
antwortet mir.

   

  

Slov ant Gali
Ausweg

 

Wenn der Nachbar ohne Worte

seine Wohnungstür verschließt.

Wenn die Schüler Listen schreiben,

wen sie hassen, bis wer schießt...


dann umringen mich die Reime

voller Suchen nach dem Sinn.

Und trotz nicht perfekter Brille

und trotz zäh geleimter Stille

treibt es mich zum Schreiben hin.

 

 

 

15.10.

x

 

Bei keinem anderen Thema gibt es eine größere Schwemme von Gedichten und solchen, die es sein sollen, wie dem der Liebe und der durch sie erreichten Erfüllung. Und doch: Auch ich probiere mich gelegentlich daran. Diesmal mit „narblos“.

Schreiben ist ein kreativer Prozess. Manchmal wird erst etwas komplizierter, dann einfacher gesagt, was komplizierter ist. Dies soll die anfängliche „Langfassung“ „Selbst herrlich“ im Vergleich mit „terra cognita?“ belegen... aber fertig... wahrscheinlich bin ich es noch nicht...

 

Slov ant Gali

narblos

 

Wenn ich mich

zu dir lege

nach dem Tageslicht,

schaut dein Leben

über deine Schultern

und meines

über meine

 

Ich möchte dir

die wunde Haut

mit salzlosen Tränen

waschen.

 

Du sagst,

salzlose Tränen

gibt es nicht.

 

 

Slov ant Gali

Selbst herrlich



Ich gründe

meinen Staat.

Wo er besteht,

ist keiner mehr,

denn

Grenzen

kennt er nicht.



Ich schenke jedem

seine Bürgerschaft

schreibe Nationalität

Mensch

besondere Merkmale

natürlich – was sonst

Hautfarbe

vorhanden



Ich werde doch

träumen dürfen


Slov ant Gali

terra cognita?



in meiner welt

gibt es

keinen staat

keine grenzen

keine pässe

nur

menschen

 

 

 

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